Feuchtigkeitsmessung in Gebäuden: Protokolle und Grenzwerte nach DIN-Normen

Feuchtigkeitsmessung in Gebäuden: Protokolle und Grenzwerte nach DIN-Normen
Feuchtigkeitsmessung in Gebäuden: Protokolle und Grenzwerte nach DIN-Normen
  • von Helmut Schröder
  • an 7 Feb, 2026

Wenn ein neuer Estrich verlegt wird, ist die Feuchtigkeitsmessung kein optionaler Schritt - sie ist rechtlich und technisch verpflichtend. Viele Handwerker unterschätzen sie, weil sie „sich doch sieht“, dass der Boden trocken ist. Doch das ist ein gefährlicher Irrtum. Ein Estrich kann trocken wirken, aber noch immer zu viel Feuchtigkeit enthalten. Und wenn man dann Parkett, Fliesen oder Laminat verlegt, passiert das Schlimmste: Schimmel, Blasen, Lockerung, Risse - und am Ende eine teure Haftungsklage. Die Lösung? Ein sauberes, dokumentiertes Feuchtigkeitsmessprotokoll nach DIN-Norm.

Warum Feuchtigkeitsmessung nicht nur eine Formality ist

Jedes Jahr gibt es in Deutschland Tausende Schadensfälle, die auf falsch gemessene Estrichfeuchte zurückgehen. Laut Baunetzwissen.de sind 32 % aller Bauschäden in den letzten fünf Jahren auf fehlende oder ungenaue Feuchtemessung zurückzuführen. Das ist kein kleiner Fehler - das ist ein systematisches Versagen. Der Grund: Viele glauben, dass man die Feuchtigkeit einfach „fühlt“ oder mit einem billigen Digitalmessgerät abchecken kann. Aber das funktioniert nicht. Ein Messwert von 75 Digits sagt nichts über die tatsächliche Feuchte im Estrich aus. Er sagt nur, dass die Oberfläche vielleicht etwas feucht ist. Aber was ist mit den 5 cm darunter? Da liegt das Problem.

Die einzige Methode, die in Deutschland als Stand der Technik gilt, ist die Calciumcarbid-Methode (CM-Messung). Sie misst nicht die Luftfeuchtigkeit im Raum, sondern den Wassergehalt im Estrich selbst. Dafür wird ein kleiner Bohrkern entnommen, der das gesamte Material in der Tiefe repräsentiert. Der Bohrkern wird in ein spezielles Gerät gelegt, das mit Calciumcarbid reagiert. Dabei entsteht Acetylen-Gas - und der Druck, den es erzeugt, zeigt genau an, wie viel Wasser im Estrich steckt. Der Wert wird in Prozent CM-% angegeben. Kein „etwa“, kein „scheint“ - sondern ein messbarer, dokumentierter Wert.

Was die Normen genau vorschreiben

Die DIN 4108-3 ist der zentrale Bezugspunkt. Sie ist Teil des Gebäudeenergiegesetzes (GEG) und legt fest, dass Feuchtigkeit in Bauteilen nicht zu Tauwasserbildung führen darf. Das bedeutet: Wenn die Oberflächentemperatur zu niedrig ist, kondensiert die Luftfeuchtigkeit - und das führt zu Schimmel. Die Norm sagt aber auch: Der Feuchtegehalt, der in 90 % aller Gebäude nicht überschritten wird, ist der Grenzwert für die Belegreife. Das ist kein Zufall - das ist Statistik aus tausenden dokumentierten Fällen.

Die konkreten Grenzwerte hängen vom Estrichtyp und der Verlegung ab. Für Parkett auf Estrich mit einer Dicke von bis zu 65 mm gilt: ≤ 0,3 CM-%. Das ist streng. Aber wenn man bedenkt, dass Holz sich bei Feuchtigkeit ausdehnt und sich dann nach oben wölbt, ist das verständlich. Bei dickeren Estrichen (über 65 mm) darf man die Messung im unteren Drittel machen - dann gilt ≤ 0,5 CM-%. Warum? Weil Feuchtigkeit von unten nach oben abzieht. Die Oberfläche trocknet schneller als das Innere. Wer das nicht weiß, misst falsch - und verlegt zu früh.

Für Fliesen und Plattenarbeiten gilt die DIN 18352, für Holzpflaster die DIN 18367. Jeder Bodenbelag hat seinen eigenen Grenzwert. Und jeder Grenzwert ist in der Norm genau definiert. Es gibt keine „gute Gefühl“-Regel. Es gibt Zahlen. Und diese Zahlen sind verbindlich - nicht nur technisch, sondern auch rechtlich.

Techniker dokumentiert Messwerte digital auf einem Tablet in einer Baustellenumgebung.

Wie man richtig misst - Schritt für Schritt

Die CM-Messung klingt kompliziert, ist aber systematisch. Hier ist, wie es funktioniert:

  1. Messstellen planen: Pro Raum mindestens eine Messstelle. Bei Flächen über 200 m² müssen mindestens drei Messstellen durchgeführt werden - verteilt über den Raum. Keine Ausnahme. Keine „nur zwei reichen“-Lösung.
  2. Vorprüfung mit elektronischem Gerät: Bevor man bohrt, sollte man mit einem Kapazitätsmessgerät (z. B. Digits-Messung) grob abchecken, wo die Feuchtigkeit am höchsten ist. Das spart Zeit und Bohrungen. Aber: Das ist nur eine Vorauswahl. Die CM-Messung ist immer entscheidend.
  3. Probenahme: Mit einem Bohrer wird ein zylindrischer Kern aus dem Estrich entnommen. Die Tiefe muss der Estrichdicke entsprechen. Bei 60 mm Estrich: 60 mm Bohrtiefe. Nicht weniger. Nicht mehr. Der Bohrkern wird in einer luftdichten Dose aufbewahrt.
  4. CM-Messgerät nutzen: Der Bohrkern wird in das Gerät gelegt. Es wird verschlossen, das Gas entsteht, der Druck wird gemessen. Der Wert wird direkt abgelesen oder über die Hersteller-Eichtabelle bestimmt. Das Gerät muss kalibriert sein. Die Waage für die Probe muss 0,01 g Genauigkeit haben. Sonst ist der Wert wertlos.
  5. Dokumentieren: Jede Messung muss protokolliert werden: Datum, Raum, Estrichtyp, Lufttemperatur, Luftfeuchtigkeit, Prüfer, Gerätetyp, Messwert. Ohne diese Daten ist das Protokoll ungültig. Das hat der Bundesgerichtshof in seiner Entscheidung Az. VII ZR 123/22 klargestellt: Wer kein Protokoll hat, zahlt - selbst wenn der Estrich trocken war.

Was passiert, wenn man es falsch macht

Ein Fall aus Dresden: Ein Estrichleger verlegte Parkett, nachdem er nur eine Messung gemacht hatte - und die war an einer Stelle, wo der Estrich besonders trocken war. Die anderen drei Räume wurden nicht gemessen. Nach sechs Monaten hob sich der Boden an den Rändern. Der Kunde klagte. Der Gerichtsgutachter stellte fest: Der Estrich war zu feucht. Die Messung war unvollständig. Der Estrichleger musste 18.000 Euro zahlen - für neue Fußböden, Schimmelbeseitigung und Schadensersatz. Kein Versicherer hat gezahlt. Kein Vertrag hat geschützt. Nur ein fehlendes Protokoll.

Ein anderer Fall: Ein Handwerker sah 75 Digits an der Wand und dachte, „das ist okay“. Er verlegte Fliesen. Drei Monate später war die Fuge schwarz. Schimmel. Der Bodenleger hatte nicht gemessen, was die Norm verlangt. Er hatte nur „gefühlt“. Der Kunde klagte. Der Richter sagte: „Sie haben die DIN 18356 ignoriert. Das ist fahrlässig.“

Die gute Nachricht: Wer es richtig macht, hat keine Probleme. Ein Handwerker aus Leipzig berichtet im Forum „Fussboden-Profi“, dass er seit Jahren strikt nach Protokoll arbeitet - und in 95 % der Fälle keine einzige Reklamation hatte. Weil er Dokumente hat. Weil er Messwerte vorweisen kann. Weil er sich auf die Normen beruft.

Querschnitt eines Estrichs mit Feuchtigkeitsgradienten und DIN-Grenzwerten in schematischer Darstellung.

Was sich aktuell ändert - und warum das wichtig ist

Im August 2022 haben die wichtigsten Fachverbände - ZVPF, ZVR, BSR, BVFGB und BEB - eine gemeinsame Vereinbarung veröffentlicht: Nur noch eine einzige Art der CM-Messung ist zulässig. Das ist kein Zufall. Das ist eine Reaktion auf jahrelange Streitigkeiten. Jetzt gibt es keinen Spielraum mehr für Interpretationen.

Und es geht noch weiter. Die DIN 4108-3 wird bis Ende 2025 überarbeitet. Die neuen Grenzwerte werden noch strenger sein - besonders für energieeffiziente Gebäude. Warum? Weil moderne Fenster und Dämmung die Luftfeuchtigkeit im Inneren halten. Die alten Werte reichen nicht mehr. Wer heute noch mit alten Richtlinien arbeitet, arbeitet veraltet.

Die Digitalisierung schreitet voran. QR-Codes auf Protokollen, digitale Erfassung über Tablets, automatische Speicherung in Cloud-Systemen - das ist kein Luxus mehr. Es ist Standard. Laut einer Umfrage des DEBV aus Januar 2024 verwenden bereits 67 % der Estrichunternehmen digitale Protokolle. 2021 waren es nur 29 %. Wer heute noch mit Papier arbeitet, liegt hinterher.

Zukünftig wird es noch präziser: Fraunhofer-Institut und TU Darmstadt arbeiten an KI-Modellen, die auf historischen Daten und Wettervorhersagen basieren. Sie sagen voraus, wann ein Estrich trocken ist - ohne Messung. Aber: Bis das Standard ist, bleibt die CM-Messung Pflicht. Und sie bleibt die einzige Methode, die vor Gericht zählt.

Was Sie jetzt tun müssen

Wenn Sie als Handwerker, Architekt oder Bauherr mit Estrich arbeiten, dann vergessen Sie nicht:

  • Die CM-Messung ist kein Extra - sie ist Voraussetzung.
  • Ein Messwert ohne Protokoll ist ein Risiko.
  • Elektronische Messgeräte sind nur Vorprüfung - nie Ersatz.
  • Die Normen ändern sich. Halten Sie sich auf dem Laufenden.
  • Die Dokumentation ist Ihr Schutz. Nicht Ihr Papierkram.

Die Feuchtigkeitsmessung ist kein Hindernis. Sie ist Ihr Werkzeug. Sie schützt Ihren Kunden. Sie schützt Sie. Und sie schützt Ihr Unternehmen vor teuren Fehlern.