
- von Helmut Schröder
- an 18 Aug, 2025
Du willst wissen, ab wie viel Grad Glas „platzt“? Die kurze Antwort: Es geht nicht um eine absolute Temperatur, sondern um eine Temperaturdifferenz im Glas. Wenn ein Teil schnell heiß wird und der andere kalt bleibt, baut sich Spannung auf - und dann knallt es. Als jemand, der in Dresden schon genug Wintersonne auf kalten Fenstern erlebt hat, kann ich dir sagen: Der Auslöser ist fast immer Thermoschock, nicht „zu hohe Hitze insgesamt“.
TL;DR
- Glas platzt wegen Thermoschock: Entscheidend ist die Temperaturdifferenz (ΔT), nicht die Luft- oder Oberflächentemperatur allein.
- Anneales Floatglas hält meist nur ca. 30-40 K ΔT sicher aus; darüber steigt das Bruchrisiko stark.
- ESG (Einscheiben-Sicherheitsglas) verträgt etwa 150-200 K ΔT, Borosilikatglas liegt ähnlich hoch; Glaskeramik noch höher.
- Typische Auslöser: punktuelle Erwärmung (Kerze, Heizungsluft, Sonnenspot), Teilverschattung (Jalousien, Aufkleber), kalter Rand plus heißes Zentrum.
- Regel: Vermeide ΔT > 30-40 K bei normalem Fensterglas. Nutze ESG/Borosilikat, wenn schnelle/hohe Erwärmung möglich ist.
Was heißt „platzt“? Temperaturdifferenz statt absolute Gradzahl
Wenn Leute fragen „Bei wie viel Grad platzt Glas?“, steckt meist ein Missverständnis dahinter. Glas versagt selten, weil es eine bestimmte Lufttemperatur erreicht hat. Es versagt, wenn innerhalb der Scheibe große Temperaturunterschiede auftreten. Der Fachbegriff dafür ist Thermoschock. Stell dir ein Fenster im Winter vor: Die Ränder bleiben kühl (über den Rahmen wird Wärme abgeführt), die Mitte wird durch Sonne oder Heizstrahler schnell warm. Die warme Zone dehnt sich aus, die kalten Ränder halten dagegen - die entstehenden Spannungen können den Werkstoff sprengen.
Mechanisch betrachtet entsteht eine Zugspannung, wenn Teile des Glases an Ausdehnung gehindert werden. Die Größe dieser Spannung ist grob proportional zur Temperaturdifferenz ΔT, multipliziert mit dem Wärmeausdehnungskoeffizienten und dem Elastizitätsmodul. Ein vereinfachter Zusammenhang lautet: σ ≈ E · α · ΔT / (1 − ν). Für normales Soda-Kalk-Glas (Fensterglas) gilt näherungsweise: Elastizitätsmodul E ≈ 70 GPa, Ausdehnung α ≈ 9×10⁻⁶/K, Poissonzahl ν ≈ 0,23. Setzt man eine charakteristische Glaszugfestigkeit von ~30 MPa an (realistisch für Kanten mit kleinen Fehlstellen), ergibt sich eine kritische ΔT um die 35-40 K. Und genau in diesem Bereich liegen die gängigen Praxiswerte.
Warum „explodiert“ das manchmal? Wenn das Glas plötzlich aufreißt, entlädt sich gespeicherte Spannung. Bei ESG zerfällt es in kleine, stumpfe Krümel, bei normalem Floatglas entstehen große, scharfkantige Scherben. Das Gefühl eines „Platzens“ entsteht durch den schlagartigen Bruch, nicht zwingend durch hohe Hitze.
Wichtig: Auch Kantenqualität, Kratzer, Bohrungen, Halterungen und verdrehte Einbaulagen spielen mit. Eine kleine Macke an der Kante kann den kritischen ΔT-Wert deutlich senken. Deshalb ist die Bandbreite in Tabellen immer ein Bereich, nie ein exakter Fixpunkt.
Grenzwerte nach Glasart: Float, ESG, TVG, Borosilikat, Glaskeramik
Hier sind typische, praxiserprobte Bereiche für zulässige Temperaturdifferenzen. Das sind Richtwerte, keine Garantien, denn Randbedingungen (Kanten, Halterung, Beschichtung, Dicke, Farbe) verändern die Werte spürbar.
Glasart | Typische ΔT-Beständigkeit | Typischer Einsatz | Hinweise |
---|---|---|---|
Anneales Floatglas (Soda-Kalk) | 30-40 K (konservativ), bis ~60 K bei idealen Bedingungen | Normale Fenster, Bilderrahmen | Empfindlich gegen Teilverschattung und Kantenfehler; Beschichtungen und dunkle Fritte erhöhen Absorption → Risiko steigt. |
TVG (teilvorgespannt) | ~70-100 K | Fassaden, VSG-Aufbauten | Höhere Restfestigkeit als Float; Bruchbild in größeren Fragmenten als ESG. |
ESG (Einscheiben-Sicherheitsglas) | ~150-200 K | Duschabtrennungen, Türen, Kochfeld-Abdeckungen | Hohe Thermoschock-Beständigkeit; bricht in kleine Krümel; optional mit Heat-Soak-Test minimiert Spontanbruchrisiko (NiS). |
Borosilikatglas | ~160-200 K (teilweise mehr) | Laborgeräte, hitzefeste Kannen | Geringere Wärmeausdehnung als Soda-Kalk; sehr gut gegen Thermoschock. |
Glaskeramik (z. B. Kochfelder) | > 500 K | Cerankochfelder, Sichtfenster in Öfen | Extrem thermoschockfest; andere Struktur als „Glas“ im klassischen Sinn. |
VSG (Verbundsicherheitsglas) | Entspricht den Einzelgläsern (Float/TVG/ESG) | Überkopfverglasung, Absturzsicherung | Die Folie hält Bruchstücke zusammen, erhöht aber die Thermoschock-Beständigkeit nicht von selbst. |
Ein paar Eckdaten zur Einordnung: Der Spannungs- oder Entspannungsbereich von Soda-Kalk-Glas liegt grob zwischen 500-560 °C (Stichworte: Strain- und Annealing-Point), die Erweichung liegt bei ~720-740 °C. Das erklärt, warum Glasofenprozesse so heiß sind. Thermoschock passiert aber viel früher, weil das Problem die lokale Spreizung der Temperatur ist, nicht die erreichte absolute Temperatur.
Gängige und seriöse Quellen, auf deren Zahlen sich die Branche in Deutschland stützt, sind unter anderem das Merkblatt „Thermische Bruchgefahr“ des Bundesverbands Flachglas (BF), technische Hinweise von Herstellern wie Saint-Gobain Glass und Pilkington zum Thema „Thermal Stress/Breakage“, sowie die Normenreihen DIN EN 572 (Glas im Bauwesen - Basisglas), DIN EN 12150 (ESG), DIN EN 1863 (TVG) und DIN EN 14179 (ESG HST). Sie geben zwar keine eine „eine Zahl für alle Fälle“, erklären aber Prüfmethoden, Materialwerte und Einsatzgrenzen.
Ein kurzer Realitätscheck: Bei einer Tasse aus normalem Soda-Kalk-Glas kann kochendes Wasser (100 °C) auf eine Handhabe von ~20 °C treffen - ΔT ≈ 80 K. Das kann klappen, muss aber nicht. Bei Borosilikat ist das in der Regel unkritisch, bei ESG-Gläsern sowieso. Bei normalem Haushaltsglas sind Abplatzungen oder Sternrisse keine Seltenheit.

Typische Alltagssituationen und sichere Praxis
Thermoschock passiert in Situationen, die erstmal harmlos wirken. Hier sind Fälle, die ich regelmäßig sehe oder höre - und wie man sie sicher löst.
- Fenster im Winter mit Heizung darunter: Warmer Luftstrahl trifft auf die Mitte, die Ränder bleiben kalt. Lösung: Luftleitblech oder Abstand zur Scheibe, Heizung nicht direkt gegen die Scheibe blasen lassen. Bei dunklen Vorhängen oder Jalousien ist die Teilverschattung zusätzlich kritisch.
- Kerze/Teelicht unter einem Glas oder neben einer Glasvase: Punktuelle enorme Hitze an einer Stelle, Rest kühl. Lösung: Nie offenes Feuer direkt an normales Glas, Abstandshalter nutzen oder hitzefestes Glas verwenden.
- Sonnenspot auf Bildschirmglas oder Scheiben mit schwarzer Folie: Dunkle Bereiche absorbieren mehr, erhitzen schneller. Lösung: Gleichmäßige Beschattung, helle Folien wählen oder ESG/TVG einsetzen.
- Kochendes Wasser in normales Trinkglas: ΔT schnell > 60 K. Lösung: Glas vorwärmen (mit warmem Wasser), besser Borosilikat-Kannen nutzen.
- Backofentür oder Kaminofen-Sichtscheibe: Diese sind meist aus Glaskeramik - für große ΔT gebaut. Aber die Zubehör-Gläser (z. B. Möbelgläser daneben) sind es nicht. Lösung: Nur die vorgesehenen hitzefesten Gläser nahe heißer Zonen verbauen.
- Duschkabine/ESG-Tür „explodiert“: Meist mechanischer Vorschaden plus Temperaturwechsel (z. B. kaltes Bad, heißes Duschen). Lösung: Regelmäßig Beschläge nachstellen, keine harten Schläge, ESG mit Heat-Soak-Test bevorzugen, Temperaturdifferenzen im Bad moderat halten.
- Auto-Windschutzscheibe enteisen: Heißer Luftstrahl auf kaltes Glas mit Steinschlag - gefährlich. Lösung: Schonend enteisen, kleine Temperaturstufen, Risse/Steinschläge früh reparieren.
Eine Beobachtung aus einem Dresdner Altbau: Rollläden halb unten, Wintersonne ballert nur auf den unteren Feldbereich. Nachmittags knallt die Scheibe. Das ist buchstäblich das Lehrbuchbeispiel für Thermoschock durch Teilverschattung. Wenn die Rollläden runter müssen, dann ganz runter (bei Hinterlüftung) oder ganz hoch - das halb/halb-Setup ist die Falle.
So vermeidest du thermischen Glasbruch
Hier ist eine klare, alltagstaugliche Checkliste. Erst die Grundregeln, danach kleine Rechenhilfen und Pro-Tipps.
- Denke in ΔT, nicht in „wie heiß“. Frage dich immer: Welche Teile des Glases werden schnell warm, welche bleiben kalt?
- Bei normalem Floatglas: Vermeide Situationen, in denen ΔT > 30-40 K realistisch sind. Das betrifft vor allem schnelle oder punktuelle Erwärmung.
- Wähle die passende Glasart: Für hitzenahe Anwendungen ESG oder Borosilikat; für extreme Fälle Glaskeramik.
- Vermeide Teilverschattung: Keine halb geschlossenen Jalousien in der Sonne, keine schwarzen Aufkleber mitten auf der Scheibe, keine dunklen Saugnäpfe im Sommer anbringen.
- Sorge für Luftbewegung: Keine Heizungsluft direkt auf die Scheibe; Luftleitbleche, Abstandshalter oder Diffusoren helfen.
- Kanten schützen: Kantenfehlstellen reduzieren die zulässige Spannung massiv. Schutzprofile, saubere Auflager, keine harten Kontakte.
- Beschichtungen beachten: Sonnenschutz- oder Low-E-Beschichtungen verändern die Temperaturbilanz. Im Zweifel herstellerseitige Montagehinweise beachten.
- Gleichmäßig aufwärmen: Tassen, Kannen, Schalen vorwärmen. Kein kochendes Wasser in eiskaltes Glas.
- Bei ESG: Erwäge Heat-Soak-Test (EN 14179), um seltene NiS-Spontanbrüche weiter zu minimieren.
Mini-Rechenhilfe (faustgrobe Einordnung, keine Statik!):
- Vereinfachte Spannungsschätzung: σ ≈ E · α · ΔT / (1 − ν)
- Zulässige Glaszugspannung (praxisnah, Kante): ~25-35 MPa bei Float mit üblichen Unvollkommenheiten
- Beispiel: ΔTkrit ≈ σ · (1 − ν) / (E · α) = 30 MPa · 0,77 / (70 GPa · 9e−6/K) ≈ 37 K
- Für ESG liegt die effektive Toleranz viel höher, weil die Oberfläche durch Vorspannung in Druck ist. Richtwerte 150-200 K sind für viele Setups realistisch.
Pro-Tipps aus der Praxis:
- Dunkle Gläser und keramische Ränder (Fritte) erwärmen sich stärker. In der prallen Sonne lieber ESG einsetzen.
- Bei Vitrinen- und Möbelgläsern in Küchen: Abstand zu Kochfeldern halten oder gleich ESG verwenden.
- Wenn Folien aufgebracht werden müssen: Helle, reflektierende Folien wählen und vollflächig arbeiten - keine Fleckenmuster.
- In Nassräumen Temperaturwechsel moderat fahren: Erst warmes Wasser über die Armaturen laufen lassen, dann aufdrehen.
Und weil die Frage immer kommt: Die Temperatur Glas platzt ist kein fixer Wert. Denke an die „Differenzregel“. Wenn du diese eine Sache verinnerlichst, hast du 90% des Risikos im Griff.

Mini‑FAQ, Entscheidungshilfe und nächste Schritte
Häufige Fragen
- Platzt Glas bei 100 °C? - Nicht automatisch. 100 °C sind für Borosilikat oder ESG vollkommen okay. Kritisch ist ein schneller Sprung von z. B. 20 °C auf 100 °C in einem Teilbereich, während der Rest kalt bleibt.
- Warum zerfällt ESG in Krümel? - Durch die Vorspannung steht die Oberfläche unter Druck. Beim Bruch entlädt sich die Energie so, dass kleine, weniger scharfe Stücke entstehen.
- Ist VSG automatisch hitzefester? - Nein. VSG hält Bruchstücke zusammen, verändert die Thermoschock-Beständigkeit aber nur entsprechend der verwendeten Glasscheiben (Float/TVG/ESG).
- Kann Sonne allein Glas platzen lassen? - Ja, wenn Teilverschattung oder dunkle Bereiche zu starken lokalen Erwärmungen führen, während Ränder kalt sind (klassisch an kalten Wintertagen).
- Warum brechen Ofentüren so selten? - Meist sind es Glaskeramiken mit extrem hoher Thermoschock-Toleranz, genau dafür gemacht.
- Woran erkenne ich ESG? - Oft an einer kleinen Stempelkennzeichnung in einer Ecke (Hersteller, Norm). Außerdem ein anderes Bruchbild (Krümel) - aber das willst du nicht als Test.
- Hilft langsames Aufheizen? - Ja. Je langsamer und gleichmäßiger die Temperatur steigt, desto kleiner die interne ΔT.
Entscheidungshilfe: Welche Glasart wofür?
- Normales Fenster ohne besondere thermische Belastung: Floatglas, aber auf gleichmäßige Beschattung achten.
- Fenster mit hoher Sonneneinstrahlung, dunklen Elementen oder Heizung direkt darunter: TVG/ESG in Betracht ziehen oder Maßnahmen zur gleichmäßigen Erwärmung treffen.
- Küche nahe Kochfeld, Spritzschutz aus Glas: ESG.
- Kannen, Wasserkocher, Labornutzung: Borosilikat.
- Extrem heiße Flächen (Kochfeld, Ofensichtfenster): Glaskeramik.
Checkliste vor dem Einbau
- Gibt es punktuelle Wärmeeinträge (Heizlüfter, Strahler, Sonnenspot)?
- Gibt es Teilverschattung (Jalousie halb zu, Aufkleber, Folienmuster)?
- Wie ist die Kantenqualität (geschliffen, poliert, ungeschützt)?
- Ist das Glas beschichtet oder dunkel gefärbt (höhere Absorption)?
- Gibt es Kontaktpunkte/Spannungen im Rahmen (harte Auflager, Verkanten)?
- Wurde die richtige Glasart gewählt (Float/TVG/ESG/Borosilikat/Glaskeramik)?
Nächste Schritte
- Bestehende Fenster: Prüfe „Hot Spots“. Hältst du die Hand hin und spürst starke Wärme direkt an einem Punkt? Ursachen (Luftdüse, Spot) entschärfen.
- Beschattung: Entweder ganz auf oder ganz zu - aber mit Hinterlüftung. Halbstellungen vermeiden.
- Küchen- und Badglas: Wenn in Reichweite zu Hitze oder Dampf, upgraden auf ESG.
- Glasbruch passiert? Bruchbild fotografieren, Splitter sichern, Ursachen prüfen (Heizung, Sonne, Aufkleber) und für Ersatz auf die passende Glasart wechseln.
Troubleshooting nach einem Bruch
- ESG in Krümeln: Raum sichern, Krümel entfernen, Halterungen/Kanten prüfen. Bei wiederkehrender Hitzeeinwirkung Ursache entschärfen (z. B. Luftleitblech, Folienwechsel).
- Große, scharfe Scherben (Float): Schutzkleidung, alles entfernen, Kantenlagerung im Rahmen checken (keine Punktpressung), bei Ersatz über TVG/ESG nachdenken.
- Wiederholte Brüche an gleicher Stelle: Teilverschattung oder punktuelle Wärmeeinträge wahrscheinlich. Wärmekamera oder Infrarotthermometer hilft beim Aufspüren.
- Ungünstige Geometrie (Ausschnitte, Bohrungen, enge Ecken): Kantenqualität verbessern lassen, ggf. Design anpassen (größere Radien, ESG statt Float).
Ein Wort zu Normen und Glaubwürdigkeit
Wenn es um Sicherheit geht, verlasse ich mich nicht auf Bauchgefühl. Praxiswerte und Empfehlungen oben decken sich mit den technischen Unterlagen großer Hersteller (Saint-Gobain, Pilkington) und dem BF-Merkblatt „Thermische Bruchgefahr“. Die Normen DIN EN 572 (Basisglas), DIN EN 12150 (ESG), DIN EN 1863 (TVG) und DIN EN 14179 (Heat-Soak-getestetes ESG) bilden den Rahmen für Material, Prüfung und Kennzeichnung. Die Zahlen sind keine „Gesetze“, aber sie verankern die Größenordnung. Für ein konkretes Bauvorhaben lohnt sich immer der Blick in die technischen Datenblätter des Herstellers.
Zum Schluss eine simple Merkhilfe, die mir in Dresden auch nach Jahren nie versagt: Keine abrupten Temperaturwechsel - nirgends, nie. Wenn du diese eine Regel beherzigst, wirst du sehr selten erleben, dass Glas „platzt“.