Schimmelsanierung im Denkmalschutz: Die richtigen Materialien und Techniken für historische Gebäude

Schimmelsanierung im Denkmalschutz: Die richtigen Materialien und Techniken für historische Gebäude
Schimmelsanierung im Denkmalschutz: Die richtigen Materialien und Techniken für historische Gebäude
  • von Helmut Schröder
  • an 3 Jan, 2026

Wenn in einem alten Haus an der Wand schwarze Flecken auftauchen, ist das kein bloßer Ärgernisfall - es ist ein Warnsignal. Besonders in denkmalgeschützten Gebäuden, wo jede Ziegelsteinfuge Geschichte trägt, ist eine falsche Sanierung schneller zerstörerisch als der Schimmel selbst. In Deutschland gibt es über 4,2 Millionen denkmalgeschützte Gebäude. Fast ein Drittel davon, also mehr als 1,3 Millionen, weist Schimmelschäden auf. Die Ursache? Meist nicht die Luftfeuchtigkeit allein, sondern eine Sanierung, die die Bauphysik ignoriert. Wer hier nur den Schimmel wegmacht, ohne die Feuchtigkeitsquelle zu bekämpfen, läuft Gefahr, das Gebäude langfristig zu ruinieren.

Warum ist Schimmel im Denkmalschutz so kompliziert?

Ein altes Steinhaus aus dem 19. Jahrhundert ist kein Neubau. Die Wände sind oft 70 Zentimeter dick, aus Kalkmörtel und Ziegelsteinen, die atmen können. Sie haben sich über Jahrzehnte an die Umgebung angepasst. Wenn man heute eine moderne, dampfdichte Dämmung dagegen klebt, wird die Feuchtigkeit nicht mehr nach außen abgeführt. Sie bleibt stecken - und bildet ideale Bedingungen für Schimmelpilze wie Aspergillus fumigatus oder Stachybotrys chartarum. Diese Pilze sind nicht nur unschön, sie können bei Konzentrationen über 500 KBE/m³ auch gesundheitsschädlich sein.

Die Energieeinsparverordnung (EnEV) will Wärmeverluste reduzieren. Aber das Denkmalschutzgesetz verbietet, das äußere Erscheinungsbild zu verändern. Das ist der Kernkonflikt. Außendämmung ist bei 88 % der Denkmäler nicht erlaubt. Nur 12 % dürfen sie bekommen - meist nur bei sehr modernen Fassaden oder wenn der ursprüngliche Putz schon fehlt. Also bleibt nur eine Lösung: Innendämmung. Aber nicht jede Innendämmung ist die richtige.

Welche Materialien sind wirklich denkmalverträglich?

Die falsche Wahl des Dämmmaterials führt in 63 % der Fälle zum erneuten Schimmelbefall. Das hat die Deutsche Gesellschaft für Schimmelsanierung 2021 in einer bundesweiten Auswertung festgestellt. Synthetische Dämmstoffe wie Polystyrol oder Polyurethan sind dampfdicht. Sie sperren die Feuchtigkeit ein - und machen das Problem nur schlimmer.

Die richtigen Materialien sind mineralisch und feuchtigkeitsregulierend. Das bedeutet: Sie nehmen Feuchtigkeit auf, wenn die Luft feucht ist, und geben sie wieder ab, wenn sie trockener wird. Zwei Materialien haben sich als Standard etabliert:

  • Kalziumsilikatplatten (z. B. von Heraklith) mit einer Wärmeleitfähigkeit von 0,045 W/mK. Sie können bis zu 300 Gramm Feuchtigkeit pro Quadratmeter aufnehmen und wieder abgeben - ohne Schäden.
  • Mineralische Dämmplatten (z. B. von Magma) mit 0,035 W/mK. Noch besser in der Feuchteaufnahme, etwas teurer, aber langlebiger.

Beide Materialien sind alkalisch (pH-Wert 10-12), was Schimmelpilze natürlicherweise hemmt. Sie sind auch diffusionsoffen - das heißt, Wasserdampf kann durch sie hindurch. Das ist entscheidend. Ein Kalkputz als Oberfläche verstärkt diesen Effekt noch. Kalk hat einen pH-Wert von 12-13. Er wirkt wie ein natürlicher Desinfektionsmittel. Er bindet Schadstoffe aus der Luft und verhindert, dass sich Sporen ansiedeln.

Im Vergleich: Kunststoffputze oder Dispersionsfarben haben einen pH-Wert von 7-8 - neutral. Sie bieten Schimmelpilzen keine Hemmung. Und sie sind dampfdicht. Das ist der Grund, warum viele Sanierungen nach fünf Jahren wieder schimmeln.

Wie wird die Innendämmung richtig verlegt?

Es reicht nicht, Platten einfach an die Wand zu kleben. Die Verarbeitung ist entscheidend. Hier kommt es auf drei Dinge an:

  1. Vollflächige Verklebung: Keine Luftspalten, keine Hinterströmung. Wenn zwischen Wand und Dämmplatte ein kleiner Spalt bleibt, kann feuchte Luft durchschlüpfen und sich hinter der Dämmung sammeln. Dort entsteht Schimmel - unsichtbar, aber gefährlich. Das Fraunhofer-Institut warnt: „Eine Hinterströmung ist der häufigste Fehler bei der Innendämmung.“
  2. Grundierung vor dem Putzen: Die Dämmplatten müssen mit einer speziellen Grundierung behandelt werden, damit der Kalkputz haftet. Nur so wird die Oberfläche dauerhaft stabil.
  3. Langsame Trocknung: Mineralische Dämmstoffe brauchen 28 Tage pro Zentimeter Dicke, um vollständig auszutrocknen. Synthetische Materialien trocknen nach sieben Tagen. Wer hier drängt, riskiert Feuchteschäden unter dem Putz. Die LVR-Denkmalpflege dokumentiert: „Zu schnelles Überputzen ist die zweithäufigste Ursache für Folgeschäden.“

Die Anschlüsse an Fenster, Türen und Decken sind kritisch. 38 % aller Folgeschäden entstehen durch undichte Anschlussfugen. Hier muss mit flexiblen Dichtungen gearbeitet werden - nicht mit starrem Kleber. Und die Fenster? Zu dichte Kunststofffenster verhindern den Luftaustausch. Sie sind oft die eigentliche Ursache für Schimmel an Innenwänden. Eine Lösung: Fenster mit integrierter Lüftung oder eine kontrollierte Wohnraumlüftung mit Wärmerückgewinnung (mindestens 85 % Effizienz).

Querschnitt einer historischen Wand mit vergleichenden Dämmmaterialien und Feuchtigkeitsfluss.

Was passiert mit dem Schimmel selbst?

Bevor gedämmt wird, muss der Befall beseitigt werden. Aber nicht mit Chemie allein. Die Deutsche Gesellschaft für Schimmelsanierung (DGS) sagt klar: „Die Entfernung befallener Materialien hat Vorrang vor jeder Desinfektion.“

Was heißt das konkret?

  • Wandputz, der von Schimmel durchzogen ist, muss abgeschlagen werden - bis auf das gesunde Mauerwerk.
  • Decken- und Bodenleisten, die befallen sind, werden entfernt.
  • Alte Tapeten, die Feuchtigkeit gespeichert haben, kommen raus.

Danach wird desinfiziert. Drei Methoden sind üblich:

  • Chemisch: Mit Alkohol (70-80 %), Wasserstoffperoxid (3-5 %) oder speziellen Bioziden wie von Remmers. Diese werden aufgesprüht, geschäumt oder vernebelt - je nach Tiefe des Befalls.
  • Physikalisch: Heißdampf bei 180 °C oder UV-Licht. Sehr effektiv, aber teuer und nur bei flachen Befällen sinnvoll.
  • Handwerklich: Abflammen mit Gasbrenner. Risikoreich, nur von Fachleuten durchführen lassen - Brandgefahr in alten Holzkonstruktionen!

Ein häufiger Fehler: Nur die Oberfläche behandeln, ohne die Ursache zu finden. 47 % der Sanierungen scheitern, weil man den Schimmel bekämpft, aber nicht die Feuchtigkeitsquelle. Ist es kapillarer Aufstieg aus dem Keller? Undichte Rohre? Fehlende Dachentwässerung? Ohne diese zu beheben, kehrt der Schimmel zurück - oft schneller als vorher.

Warum ist die Ursachenanalyse so wichtig?

78 % der fehlgeschlagenen Sanierungen haben eine gemeinsame Ursache: unzureichende Analyse. Viele Handwerker kommen, sehen den Schimmel, streichen ihn ab, kleben eine Dämmung drauf - und gehen. Sie messen nicht die Luftfeuchtigkeit, nicht die Wandtemperatur, nicht die Taupunkttemperatur. Sie prüfen nicht, ob es ein Feuchtigkeitseintrag von außen oder von innen ist.

Professionell arbeitet man mit der WUFI-Plus-Software. Diese berechnet, wo und wann Kondensation entsteht - basierend auf Material, Außenklima, Nutzung und Lüftungsverhalten. Ein Beispiel: In einem alten Wohnhaus in Dresden, das im Winter mit Heizung auf 20 °C gehalten wird, aber nur zweimal täglich 5 Minuten gelüftet wird, bildet sich Kondensation an der Innenseite der Außenwand - selbst bei 30 cm dicken Mauern. Die Lösung? Nicht mehr Heizen, sondern mehr Lüften. Mindestens 1,5 Stunden morgens und abends. Bei Wäschetrocknen im Raum: ganztägig lüften.

Das Fraunhofer-Institut hat in einem Pilotprojekt gezeigt: Wer die Lüftung verbessert und mineralische Dämmung einbaut, reduziert die Schimmelneubildung auf unter 5 %. Das ist der Goldstandard.

Hand legt mineralische Dämmung an eine alte Mauer, mit Lüftungssystem und Messgerät im Hintergrund.

Was sagt das Gesetz heute?

Die EnEV 2024 hat eine wichtige Änderung gemacht: Für denkmalgeschützte Gebäude ist nun Innendämmung mit mineralischen Materialien bis zu 8 cm Dicke ohne Genehmigung erlaubt - vorausgesetzt, sie wird bauphysikalisch korrekt ausgeführt. Das ist ein großer Schritt. Früher musste man bei jeder Dämmung einen Antrag stellen - oft mit jahrelanger Wartezeit.

Auch das „Wiener Modell“ von 2023 hat Einfluss auf Deutschland. Es verlangt: Reversibilität, Handwerk vor Maschine, Reparatur vor Erneuerung. Das heißt: Wenn ein Putz kaputt ist, wird er mit Kalk erneuert - nicht mit Kunststoff. Wenn ein Fenster undicht ist, wird es repariert - nicht ausgetauscht. Und alles muss rückgängig machbar sein. Denn ein Denkmal ist kein Wohnblock - es ist ein kulturelles Erbe.

Was kostet das?

Mineralische Dämmstoffe kosten 20-30 % mehr als synthetische. Ein Kalkputzsystem ist teurer als eine Dispersionsfarbe. Aber wer spart, zahlt später doppelt. Die CARME-Nordwest GmbH hat in ihrem Projekt 2023 dokumentiert: Falsche Materialwahl erhöht die Sanierungskosten um das Dreifache - weil man nach zwei Jahren wieder anfangen muss.

Die Gesamtkosten für eine Schimmelsanierung im Denkmalschutz liegen bei durchschnittlich 120-180 Euro pro Quadratmeter. Dazu kommen 1.500-3.000 Euro für die Ursachenanalyse mit WUFI-Berechnung und Feuchtemessung. Aber das ist kein Aufwand - das ist eine Investition. Ein richtig saniertes Denkmal hält 50 Jahre. Ein falsch saniertes - vielleicht nur fünf.

Was bleibt nach der Sanierung?

Ein gesundes Raumklima. Kein Schimmel. Kein muffiger Geruch. Und eine Wand, die atmet. Das ist der Erfolg. Nicht nur für die Bewohner, sondern für das Gebäude selbst. Ein Denkmal, das nicht mehr feucht ist, verändert sich nicht mehr. Es bricht nicht ab. Es bleibt erhalten.

Die Zukunft liegt in der Kombination: mineralische Dämmung + Kalkputz + kontrollierte Lüftung. Und vor allem: in der Respektierung der alten Bauweise. Nicht alles, was neu ist, ist besser. Manchmal ist das Alte einfach nur richtig.

1 Comments

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    georg hsieh

    Januar 3, 2026 AT 09:55

    Endlich mal jemand, der nicht nur den Schimmel wegstreicht, sondern versteht, dass alte Mauern atmen müssen. Ich hab in meinem 1820er Haus genau das gemacht – Kalziumsilikatplatten, Kalkputz, und mindestens 15 Minuten Lüften am Tag. Kein Schimmel seit drei Jahren. Und ja, es war teurer, aber ich schlaf ruhiger. 😊

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